Besucherlenkung im Nationalpark Sächsische Schweiz: Passiv vs. aktiv?

Rechtzeitig vor Beginn des Re-Starts in die touristische Sommersaison schlagen Landrat, Bürgermeister, Tourismusverband und Sächsischer Bergsteigerbund Alarm. In einem Brief an den Sächsischen Ministerpräsidenten bringen sie ihre Sorge über die Sperrung oder Unpassierbarbarkeit zahlreicher Wege zum Ausdruck. Von den rund 500 km markierten Wanderwegen, Kletterzustiegen und Bergpfaden sind gegenwärtig ca. 40 km wegen umgestürzter oder vom Umstürzen bedrohter Bäume gesperrt und weitere ca. 50 km unpassierbar. Besonders betroffen sind einzelne Gebiete in der hinteren Sächsischen Schweiz zwischen Kirnitzschtal, Hinterhermsdorf und tschechischer Grenze. Auch im Nationalpark Böhmische Schweiz existiert dieses Problem.

Von den abgestorbenen Bäumen gehen für Besucher erhebliche Gefahren aus. Es ist nicht vorhersagbar, wann welcher Baum mit welcher Konsequenz umstürzt und zur ganz konkreten Bedrohung für Besucher wird. Flächenbesitzer und Nationalparkverwaltung sahen sich deshalb veranlasst, einzelne Wege zu sperren und vor dem Betreten anderer Bereiche ausdrücklich zu warnen. Das hat zur Folge, dass manche Wege nicht durchgängig genutzt werden können und Umleitungen für gebietsfremde Besucher zur unerwarteten Herausforderung werden. Mit ihrem Wegeservice versucht die Nationalparkverwaltung, die Besucherströme um die Problemzonen herum zu lenken. Gleichzeitig werden im Rahmen der verfügbaren Ressourcen zuerst Rettungs- und danach wichtige Wanderwege beräumt. Doch diese Ressourcen reichen nicht aus, um eine flächendeckende Passierbarkeit aller Wanderwege sicherzustellen. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass sich alle Besucher vorsorglich über die jeweils aktuelle Wege- bzw. Sperrungssituation informieren können. Dazu ist die Zahl der zu erwartenden Besucher einfach zu groß, um alle mit dem System der passiven Besucherlenkung – Zonierung und Wegegebot – zu erreichen. In den letzten Jahren wurden jährlich ca. 3 Millionen Gäste in gewerblichen Beherbergungsbetrieben (ab 10 Betten) der Region gezählt. Nicht in dieser Zahl erfasst sind Gäste in Beherbergungsstätten mit weniger als 10 Betten, Caravan- und Tagestouristen, Bus- und Schiffsreisegruppen, Einheimische und Gäste aus der Tschechischen Republik. Insgesamt könnten vorsichtig geschätzt ca. 5- 6 Millionen Besucher pro Jahr – oder besser: pro Sommersaison von Mai bis Oktober – das Wegenetz im Nationalpark frequentieren. Abgesehen davon, dass es dadurch an vielen Stellen sehr eng wird und ein enormer Nutzungsdruck auf sensible Naturräume entsteht, sind damit Grenzen erreicht und überschritten. Für derartige touristische Übernutzungen hat sich international der Begriff „Overtourism“ etabliert. Zu viele Menschen auf engstem Raum sind nicht nur Gift für einen nachhaltigen, sanften, ressourcenschonenden Tourismus. Sie lassen sich auch mit zunehmender Zahl schwerer passiv lenken. Zonierung und Wegegebot stoßen objektiv an Grenzen. Hinter vorgehaltener Hand geht man davon aus, dass sich ca. 80% der Besucher an das Wegegebot halten. Das bedeutet aber auch, dass es ca. 20% nicht tun. Falls die Schätzung zutreffen sollte, wären das bei 5- 6 Millionen Besuchern pro (Halb)Jahr immerhin 1- 1,2 Millionen Menschen, die im nur etwa 94 km² großen Nationalpark abseits der Wege unterwegs sind. Die meisten tun das sicherlich nicht vorsätzlich, sondern weil sie orts- und sachunkundig sind. Aber trotzdem schaden sie der eigentlich streng geschützten Natur. Das kann nicht Ziel der touristischen Wertschöpfung sein.

Es ist Zeit, umzudenken und neue Wege in der Gästebetreuung zu beschreiten. Zum Beispiel, indem man passive und aktive Besucherlenkung im Nationalpark intelligent miteinander vernetzt. Passiv durch das bisherige Konzept der Zonierung, des Wegegebots und der Sicherstellung möglichst gefahrfrei zu nutzender Wanderwege, Kletterzustiege und Bergpfade. Und aktiv durch die nachhaltige Einbeziehung speziell zertifizierter Nationalparkführer. Derzeit gibt es ca. 40 bereits ausbildete „Schweizführer“ und weitere 20 erwarten gespannt den Abschluss ihres Zertifikatslehrganges. Dieses menschliche Potential sollten die Verantwortlichen in der Region nicht brachliegen lassen, sondern wertschöpfend nutzen. Und angemessen honorieren.