Regulierung des „Schweizführerwesens“ einst und jetzt

Nachdem die Herren Nicolai und Götzinger als Erste Gäste durch die Sächsische Schweiz führten (siehe auch: https://saechsisch-boehmische-schweiz.tours/2018/05/17/nicolai-und-goetzinger-die-ersten-schweizfuehrer/, gab es bald Nachahmer. Diese witterten ein gutes Geschäft, waren die Fremden doch meist nicht ortskundig. Eine Art Goldgräberstimmung breitete sich aus und so mancher wackere Einheimische fühlte sich berufen, dem neuen Gewerbe nachzugehen. Das war aller Ehren wert, aber es zog offenbar auch zwielichtige Gestalten an. Was wiederum die Königliche Amtshauptmannschaft Pirna auf den Plan rief. Aus heutiger Sicht könnte man sagen, die Amtshauptmannschaft bemühte sich um Qualitätssicherung, indem sie ein sogenanntes „Regulativ über das Schweizführer-, Saumthier- und Lohnfuhrwesen in der Sächsischen Schweiz“ erließ. In der vorliegenden Fassung vom 1. Mai 1883 – rechtzeitig zu Beginn der Sommersaison – wurde das „Schweizführerwesen“ haarklein geregelt: wer es ausführen durfte, welche Dienstbekleidung zu tragen war (Die Dienstmütze!), welche Pflichten den Fremden gegenüber einzuhalten waren, wo die Dienstleistungen erbracht werden durften, welche Taxe erhoben werden durfte usw. usf.. Regulierungswut auf sächsisch, ein Knigge für Fremdenführer!

Bildquelle für alle Fotos dieses Beitrags: Nachdruck des Regulativs, überreicht durch den damaligen Vorsitzenden des TVSSW, Herrn Klaus Brämig, anlässlich der Zerifikatsverleihung als Nationalparkführer

Es ist nicht überliefert, wie erfolgreich diese Regulierung war. Auf den großen Boom folgte jedoch alsbald der Katzenjammer. Im nationalen Rausch zu Beginn des 1. Weltkrieges gingen langsam aber sicher die Fremdenführer aus, die nun als Helden auf den Schlachtfeldern gebraucht wurden. Wer das Grauen überlebte, hatte wichtigeres zu tun, als Gäste durch die Felsenlandschaft zu führen. Inflation und Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Zeit und schließlich der Horror des selbsternannten „Tausendjährigen Reiches“ brachten das regulierte „Schweizführerwesen“ praktisch zum Erliegen. An einem Wiederaufleben alter Traditionen nach dem Krieg waren die Sieger nicht interessiert. Und so verschwand das „Schweizführerwesen“ aus dem Alltag und fand bis heute keine Neuauflage. Es gilt de facto der gleiche Zustand, wie vor Erlass des Königlich- Sächsischen Regulativs vor rund 140 Jahren: Wer sich berufen fühlt, darf Gäste führen. Eine besondere Eignung muss nicht nachgewiesen werden. Mit einer Ausnahme: Zertifizierte Nationalparkführer absolvieren eine spezifische Ausbildung für die Region und müssen durch eine dreistufige Prüfung ihre Eignung unter Beweis stellen. Sie sind verpflichtet, sich jährlich fortzubilden und die Fortbildung nachzuweisen. Das Zertifikat ist auf 5 Jahre befristet und kann auf Antrag und gegen Tätigkeits- und Fortbildungsnachweise um jeweils weitere 5 Jahre verlängert werden. In diesem Sinne – aber wirklich nur in diesem – erlebt das „Schweizführerwesen“ seit 2004 eine neue Regulierung und eine stille Renaissance.

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